Hand aufs Herz: Wissen Sie was ein Torkel ist?

Nein, ich meine nicht torkeln – sondern einen Torkel, wahlweise auch eine Torkel genannt.  Nicht?

Dann machen Sie sich bloß keine Gedanken, denn viele kennen diesen Begriff nicht. Nachhause torkeln – klar, damit können die meisten Menschen etwas anfangen, aber der oder die Torkel als Nomen, da zucken viele die Schultern. Auch mir ging es nicht anders, als ich hier an den See zog. Irgendwann erfuhr ich dann, dass ein Torkel eine Weinpresse ist. Nun war ich ganz entspannt und beruhigt, denn: mit einer Weinpresse konnte ich sehr wohl etwas anfangen. Vor meinem inneren romantisch verklärten Auge tanzte und sang Adriano Celentano in einem hölzernen Weinfass vor toskanischer Kulisse und stampfte dabei mit bloßen Füßen frisch gelesene Trauben.

Als ich aber zum ersten Mal dem ältesten, noch funktionsfähigen Torkel Europas von 1607 im vineum bodensee gegenüberstand, war allerdings von Romantik und schönen Männern keine Spur; dafür blickte ich einem Ungetüm aus Eichenholz entgegen, das ca. 10 Tonnen wiegt, ungefähr 10 m lang ist und zudem knarrende Geräusche beim Traubenpressen macht, die so gar nicht in mein verklärtes Fantasiebild passten. Siggi Serden, seinerseits der letzte wirkliche Torkelmeister Meersburgs, erzählte mir dann, amüsiert über mein Erstaunen, mit leuchtenden Augen: „Ich kann mich auch noch genau entsinnen, wie beeindruckend dieser Torkel für mich schon als 6jähriger Bub war! Obwohl halb versunken im Gerümpel, prangte er sehr eindrücklich in den ehemaligen Räumen des Heilig Geist Spitals Meersburgs! Ich bin als Bub da gern und oft herumgesprungen und schon damals war ich vollständig gefangengenommen von dieser gewaltigen Weinpresse aus Holz und der simplen Technik, die sich dahinter verbarg. Wahrscheinlich habe ich auch aus dem Grund Maschinenbau studiert!“

Apropos Technik: das Wort Torkel kommt tatsächlich aus dem lateinischen: torquere heißt drehen, beziehungsweise winden und verweist auf die Spindel, die man drehen muss um den riesigen Torkel mittels Hebel in Bewegung zu setzen und damit den Pressvorgang zu starten. 

Aber was genau hat nun ein oder eine Torkel mit Wein und mit Meersburg zu tun?

Ein Torkel dieser Größe war keineswegs nur Dekoration, sondern absolut notwendig als öffentlich zugängliche Weinpresse für sämtliche Weinbauern in Meersburg, und das schon seit dem 17. Jh.  Tatsächlich gab es von dieser Art Torkel ursprünglich mehr als 30 Stück in Meersburg, acht von ihnen standen allein schon in der Vorburggasse. Siggi Serden erinnert sich noch gut daran, dass während der Weinlese im Herbst Schlangen von Weinbauern vor dem Heilig-Geist-Torkel zu sehen waren. Alle wollten endlich ihre gelesenen Trauben in eben diesem Torkel pressen. Die Aufgabe des Torkelmeisters war es dann auch, unter den wartenden Weinbauern für Ruhe und Ordnung zu sorgen und den eigentlichen Pressvorgang zu überwachen, unterstützt wurde er dabei von zwei bis drei Torkelknechten. „Als Torkelmeister trägt man ja schon eine große Verantwortung! Immerhin entwickelt ein 10t schwerer Torkel, wie z.B. der im vineum bodensee, einen Pressdruck von ca. 30t, das ist eine enorme Kraft, die da dahintersteckt!“, erklärt Serden voller Hingabe und glänzt sogleich auch noch mit ein paar anderen interessanten Details zum Ablauf des Weinpressens: „Früher hat man grundsätzlich nur die sogenannte  Ganztraubenpressung gemacht, d.h. mit Stiel und allem drum und dran. Irgendwann ist man dann davon abgekommen und hat die Trauben vorher entstielt. Das hat der Qualität des Weines sehr gut getan! “ Ganze vier Stunden lang geht ein Pressvorgang mit dem Torkel und dieser wird dann dreimal wiederholt, d.h. man war dann in Summe pro Weinbauer 12 Stunden gut beschäftigt. So kann man sich auch vorstellen, wie lange die anderen draußen warten mussten bis sie an der Reihe waren und welche Qualität oder besser Nicht-Qualität die Weine derjenigen hatten, die als letzte ihre Trauben pressen konnten. Nach mehreren Stunden des Wartens im Freien hatten die gelesenen Trauben auf manchen Wägen schon halb das Gären angefangen…

Der heute 80jährige Serden erinnert sich noch lebhaft an seinen ersten Rausch, den er unfreiwillig mit 11 Jahren genoss. Damals musste er mit seinen Mitstreitern vom Musikverein nach dem Auftritt anstoßen und durfte vorher nicht nach Hause. Ob der Wein damals gut war oder nicht, dass vermag er nicht mehr zu sagen, aber dass der Bodenseewein von heute ihm schmeckt, das steht für ihn fest. Ganz freiwillig und gern trinkt er einen Schluck Meersburger Wein, besonders mag er die typischen Bodenseeweine Müller-Thurgau und Spätburgunder. Auch wenn die Trauben dafür nicht mehr in den altertümlichen Torkel gelangen, sondern wie im Staatsweingut mit moderner Technik entstielt und schonend gepresst werden.