Romantische Weinlese ?!

Die Weinlese wurde schon von vielen Malern quer durch die Jahrhunderte romantisch verklärt dargestellt. Tatsächlich ist es schon etwas Besonderes, im Morgennebel zusammen mit 20 anderen Wimmlerinnen und Wimmlern (Bei uns sagt man zum Traubenernten „wimmeln“) auf dem Planwagen zum Weinberg gefahren zu werden und dort im Frühtau die ersten Trauben vom Stock zu schneiden. Richtig schön wird es dann, wenn sich wie in den letzten Tagen am Vormittag der Nebel auflöst und die Sonne durchsetzt. Die Trauben leuchten dann richtig. Die Sonnenstrahlen wärmen und bald braucht man die Jacke nicht mehr. Das Lesen macht dann so richtig Freude. Am Abend eines Lesetages rechtschaffen müde schläft man viel besser als nach einem Büro- oder Einkaufstag.

Besonders ist auch die Art der Arbeit zu zweit in der Reihe und im Team: Man kann sich mit seinem Gegenüber den ganzen Tag lang über Gott und die Welt unterhalten. Aber jeder muss sehen, dass er beim Tempo der Gruppe mithält, damit das Durchreichen der vollen Eimer von Zeile zu Zeile gut funktioniert. Wenn mal in einer Reihe etwas mehr Trauben hängen als in der Nachbarzeile, hilft man sich gegenseitig. Nur so kommt das Team als Ganzes gut vorwärts und die Lese läuft reibungslos. Menschen ohne Teamgeist und Hilfsbereitschaft fallen in so einer Gemeinschaft sehr schnell auf. Meistens sind die nicht lange dabei. So formiert sich im Laufe eines Herbstes eine kleine, verschworene Truppe, in der sich jeder auf den anderen verlassen kann.

Am Ende der Weinlese wird die letzte Fuhre – geschmückt mit Weinlaub – in einem kleinen Corso aus Schleppern und Planwagen durchs Städtle gefahren. Im Hof des Weingutes empfängt dann der Weingutsdirektor traditionell die Wimmlerinnen und Wimmler zu einem kleinen Umtrunk.

Einige Tage später kommt dann das große Herbstfest, Es wird ordentlich gegessen und getrunken. In einer Weinprobe stellt das Führungsteam des Weingutes den knapp 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Wimmlerinnen und Wimmlern einen Querschnitt der Weine vor, die aus den Trauben des letzten Jahres gekeltert worden sind. Es werden kleine Gedichte von Lesehelfern  vorgetragen, die kleine und große Begebenheiten während der Lese schildern und den einen oder anderen etwas auf die Schippe nehmen. Am Ende des Festes verabschiedet man sich mit ein bisschen Wehmut und freut sich schon auf das nächste Jahr.

Ohne gute Organisation geht nichts

Damit so eine Weinlese reibungslos funktionert, braucht es ein hohes Maß an Planung, Koordination und Kommunikation. 151 Parzellen, verteilt auf sieben Einzellagen und zehn Rebsorten in drei Qualitätsstufen,  wollen geerntet werden. Dabei sollen Gesundheitszustand und Reifegrad der Trauben im Optimum sein. Zum Glück haben wir mit unserem neuen Kelterhaus nun keinen Engpass in der Kellerei mehr. Früher begrenzte die Kapazität der Traubenverarbeitung die Lese.

Besonderheit im Jahr 2017

Dieses Jahr bestimmt eine zusätzliche Herausforderung den Ablauf der Lese: Drei Hagelschauer im Laufe des Hoch- und Spätsommers (der letzte erst im September)  haben Trauben und Blätter angeschlagen. Die Verletzungen der Pflanzen dienten Pilzkrankheiten als Eintrittspforten. Die feucht-warme Witterung half dann den Pilzen, sich zu vermehren. Deshalb haben wir dieses Jahr kein homogenes, vollständig gesundes Lesegut. Wir müssen jeden einzelnen Weinberg sehr aufwändig in zwei Durchgängen selektiv ernten. Fast jede Traube nehmen wir zweimal in die Hand. Dadurch erreichen wir die optimale Ausreifung der Trauben.

Ende gut – alles gut

Dank unserer engagierten Lesemannschaft bekommt unsere Kellerei von den pilzbefallenen Beeren so gut wie nichts mit. Die bleiben nämlich im Weinberg auf dem Boden. Auf diese Weise gewährleisten wir auch unter widrigen Umständen reintönige, saubere Weine. Freilich ist die Weinmenge dieses Jahr dadurch kleiner als normal. Es lohnt sich also, sich rechtzeitig vom 2017er einen Vorrat anzulegen, damit der Lieblingswein im Keller nicht zu früh zur Neige geht…