Ein Cartoon von Schwarwel in unserer Tageszeitung zeigt eine junge Dame vor ihrem PC, die sagt: „Cool, für meinen diesjährigen Jahresrückblick kann ich einfach den vom letzten Jahr wiederverwenden…“.

Das mag für die private Situation vieler Menschen zutreffen. Das Weinjahr 2021 unterschied sich jedoch deutlich von seinem Vorgänger. Es begann am Bodensee eigentlich recht entspannt. Wir freuten uns über höhere Winterniederschläge, die das Wasserdefizit aus dem Vorjahr fast ausgeglichen hatten. Das Wetter war „normal“: Januar und Februar waren eher zu warm, also schmuddelig und nasskalt. Der März brachte die ersten Tage mit frühlingshaften Temperaturen, der April machte, was er wollte. Er war also wechselhaft und kühl. Dann kam allerdings kein Wonnemonat, sondern ein kalter, nasser Mai. Der führte dazu, dass sich die ganze Pflanzentwicklung stark verzögerte. In den vier Maiwochen gab es fast kein Rebenwachstum.

Mit dem Juni änderte sich das schlagartig: der sorgte mit deutlich überdurchschnittlichen Temperaturen und -Niederschlägen vom Regen bis zum Hagel für ein explosionsartiges Pflanzenwachstum. Im Juni blühten auch unsere Reben. Die Rebe ist eine zwittrige Pflanze, d.h. sie befruchtet sich selbst. Das geschieht, indem die Blütenblätter, die zu einem Käppchen verwachsen sind, sich abheben. Während des Abwerfens des Käppchens werden die Pollenbehälter über die sogenannte Narbe am oberen Ende des Fruchtknotens gestreift und es kommt zur Befruchtung. Das u. g. Bild von Gerd Götz zeigt Trauben in der abgehenden Blüte, d.h. 80% der Käppchen sind schon abgeworfen.

Malve im Weinberg

Während der Blüte sind die Fruchtanlagen besonders empfindlich und anfällig für unsere Hauptfeinde, den falschen Mehltau (Peronospora viticola) und den echten Mehltau (Oidium tuckeri). Diese nutzten gerade in diesem Jahr die Gunst der Stunde und besiedelten die ungeschützten Fruchtknoten genau in dem Zeitraum, in dem die Pflanze die Käppchen abwarf.

Nicht überall kamen wir genau rechtzeitig und konnten die Gescheine durch einen Pflanzenschutzbelag vor einer Infektion bewahren. Gerade die im Bio-Weinbau angewendeten Mittel Kupfer und Schwefel wurden vom Regen schnell wieder abgewaschen und wirkten daher nicht gut und lange genug. Außerdem wuchsen Blätter und Gescheine so schnell, dass wir praktisch ununterbrochen hätten spritzen müssen. Auf den nachwachsenden, frischen Blättern und frei werdenden Beerenanlagen, die noch nicht durch einen Pflanzenschutzmittelbelag geschützt waren, fanden unter den feucht-warmen Bedingungen sofort wieder neue Infektionen statt.

Normalerweise spielt uns die Sommerhitze im Juli in die Karten, weil vor allem die Peronospora bei Temperaturen über 30°C eintrocknet. Das hat dieses Jahr nicht funktioniert, weil der Juli viel kühler als sonst war. Die Pilzkrankheiten konnten sich also bei feucht-warmem Wetter unter optimalen Bedingungen weiter vermehren und trotz aller Bemühungen (Wir haben am Hohentwiel, wo wir Bioweinbau betreiben, 19 (!) Pflanzenschutzmaßnahmen durchgeführt) sahen ein Teil der Trauben dort so aus:

Malve im Weinberg

Es versteht sich von selbst, dass dieser Teil nicht mehr für die Weinbereitung geeignet war. Die so befallenen Beeren mussten später bei der Lese von Hand aussortiert bzw. auf den Boden geschnitten werden. Wir hatten also dadurch einen deutlich höheren Aufwand und dennoch niedrigere Traubenerträge.

Der August war ähnlich wie der Juli eher unspektakulär und eher etwas zu kühl. Zum Glück ließen die Niederschläge etwas nach, sodass wir mit der Arbeit im Weinberg wieder besser nachkamen.

Die sonnigen Herbstmonate September und Oktober entschädigten uns zu guter Letzt für die Mühe und die viele Arbeit, die wir dieses Jahr in die Traubengesundheit investiert hatten. Die von Pilzen befallenen Traubenteile trockneten größtenteils ein und fielen von den Trauben ab. Es baute sich keine weitere epidemische Infektionswelle mehr auf und die verbliebenen, gesunden Beeren hatten bei optimalen Reifebedingungen (leichter Wind, sonnige Tage, kühle Nächte) genügend Zeit, ausgeprägte Fruchtaromen zu entwickeln.

Malve im Weinberg
Malve im Weinberg

Dem entsprechend konnten wir mit dem Erntebeginn bis zum 24. September warten. Die letzten Trauben holten wir sogar erst am 16. November. Die Erntemenge liegt mit 50 hl/ha in etwa auf dem Niveau des Vorjahres, allerdings um 20 hl/ha unter einer Normalernte.

Die 2021er Weiß – und Roséweine präsentieren sich im Geschmack ausgesprochen fruchtig und mit einer frischen, inspirierenden Fruchtsäure. In der Nase überzeugen sie den Genießer durch klare Fruchtaromen und leichte Eisbonbonanklänge. Insgesamt zeigen sie eine wunderschöne Eleganz und Finesse, haben aber dennoch Tiefgang und Komplexität. – Ein richtig schöner Bodensee-Jahrgang!

Die 2021er Rotweine sind zunächst einmal selten. Wir haben dieses Jahr erst gegen Ende der Lese, als die Mostgewichte der Spätburgundertrauben sich solide im Spätlesebereich bewegten, Trauben für Rotwein eingemaischt. Dadurch gibt es dieses Jahr nur wenig, aber dafür guten Spätburgunder Rotwein. Für eine Bewertung dieser Weine ist es noch zu früh. Sie werden sehr wahrscheinlich erst im Jahr 2023 auf den Markt kommen. So viel sei gesagt: Sie entwickeln sich sehr vielversprechend.

Wir Winzer werden das Jahr 2021 als eines der herausforderndsten überhaupt im Gedächtnis behalten, als das Jahr, in dem wir einen Kampf an zwei Fronten gut durchgestanden haben, gegen eine Epidemie in unseren Reben und eine Pandemie in unserer Gesellschaft.

Das Jahr 2021 hat in der Gesellschaft und in unserem Weingut Spuren hinterlassen, die noch eine Zeit lang zu sehen sein werden. Wir sind aber froh, dass wir trotz vieler Einschränkungen bis jetzt ohne einen Cent Zuschuss zurechtgekommen sind.

Es macht uns dankbar, dass unsere Kunden, Freunde und Fans in diesen eigenartigen Zeiten so eindrucksvoll zu uns stehen. Das ist für uns Bestätigung und Ansporn, weiterhin in unserer Tradition fortzufahren und maximale Qualität weit vorausdenkend, fair, nachhaltig und klimaneutral zu produzieren.

 

Meersburg, 29.12.2021

 

Dr, Jürgen Dietrich

Weingutsdirektor