Die folgende Zusammenstellung ist nicht das Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchungen, sondern praktischer Erfahrung. Üblicherweise beschränken sich die Betrachtungen der Folgen des Klimawandels auf den Weinbau. Dass auch Konsequenzen für die Kellerwirtschaft, die Vermarktung und für die Winzer selbst existieren, soll hier aufgezeigt werden.

Malve im Weinberg

Positive Auswirkungen auf den Weinbau

 

Längere Wärmeperioden sorgen dafür, dass gute Rotweinjahre häufiger werden (2003, 2009, 2015, 2018). Damit einher gehen steigende Durchschnittsmostgewichte und abnehmende Fruchtsäuregehalte in den Traubenbeeren. Unreife Jahre, die man am Bodensee wegen der Höhenlage der Region früher öfter zu beklagen hatte, werden seltener.

Die spät reifenden Burgundersorten Weißburgunder und Spätburgunder profitieren von dieser Entwicklung. Der etwas früher reifende Grauburgunder kann wegen der höheren Temperaturen während der Reifephase leichter das Opfer von Sauerfäule werden und wird in Zukunft weinbaulich weniger attraktiv.

Während die Burgundersorten mit sehr heißen Sommermonaten gut klarkommen und weiter Assimilation betreiben, fährt der Müller-Thurgau bei großer Hitze seinen Stoffwechsel auf ein Minimum herunter und legt in der Pflanzen- und Traubenentwicklung quasi eine Pause ein. Dies kann dazu führen, dass in heißen Jahren der Spätburgunder vor dem Müller-Thurgau reif wird. Die wichtigsten Rebsorten am See kommen also gut mit der Klimaerwärmung klar.

Interessante klassische Sorten wie der Riesling bleiben nicht mehr nur den Spitzenlagen am See vorbehalten und werden verstärkt angebaut.

Malve im Weinberg

Negative Auswirkungen auf den Weinbau

 

Die Erhöhung der Temperaturen führt zu einer Verschiebung der Vegetationsperiode nach vorne. Die Reben treiben früher aus und damit nimmt das Risiko und die Häufigkeit von Spätfrösten in seefernen Lagen deutlich zu.

Die im Voralpenland ohnehin höhere Unwetterhäufigkeit und -intensität nimmt durch die größeren Temperaturunterschiede zwischen Warm- und Kaltfronten und durch die langsamere Bewegung von Gewitterfronten noch mehr zu. Hagel, Starkregen und Stürme schädigen die Reben und führen zu Erosionsschäden in den Weinbergen. Die Zunahme der Obstflächen unter Hagelschutznetzen am Bodensee belegt das eindrucksvoll.

Auch Schädlinge und Krankheiten, denen es früher bei uns zu kalt war, wandern aus wärmeren Regionen ein (Schwarzholzkrankheit, Flavescence dorée, Büffelzikade, Glasflügelzikade…).

Da sich Essigbakterien bei höheren Temperaturen viel schneller vermehren als bei kühlen Nächten, nimmt das Risiko der Sauer- und Essigfäule zu. Um dem vorzubeugen sind zusätzliche Arbeitsgänge wie z. B. die Entblätterung der Traubenzone, Trauben teilen etc. erforderlich. Auch das Phänomen des Sonnenbrandes an Traubenbeeren durch hohe UV-Strahlung gibt es erst seit zwei Jahrzehnten. Die Problematik nimmt durch vermehrt auftretende, extreme Hitzetage wie im Juni 2019 (36°C) zu.

Malve im Weinberg

Auswirkungen auf die Kellerwirtschaft

 

Veränderte Rahmenbedingungen vor und während der Lese und unterschiedliches Lesegut stellen die Kellermeister vor neue Herausforderungen. Generell ist heute viel mehr Flexibilität erforderlich. Ein Weinausbau nach klaren Vorgaben, so wie er in den 70er und 80er Jahren noch möglich war, funktioniert heute nicht mehr. Heute muss flexibel auf die konkrete Situation reagiert werden. Oft muss bereits in der ersten Lesewoche die komplette Ausbaustrategie überdacht und umgestellt werden, weil das Lesegut nicht so ist, wie man es sich vorgestellt hat.

Die physiologische Reife der Trauben spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Da in trocken-heißen Jahren weniger hefeverwertbarer Stickstock in die Beeren eingelagert wird, muss man länger mit der Lese warten, damit keine untypischen Alterungsnoten im Wein entstehen. Andererseits nimmt während dieser Zeit die Säure ab und der Alkohol zu. Ab einem gewissen Reifestadium nehmen auch die fruchtigen Aromen in den Beeren ab. Es gilt also das Optimum zwischen UTA und Überreife zu finden.

In heißen Herbsten wie z. B. im Jahr 2018 kann nur nachts und vormittags geerntet werden, weil die Trauben sonst zu heiß werden und das Risiko von Fehlgärungen bereits auf dem Weg ins Kelterhaus zu groß wird. Außerdem nimmt das mikrobiologische Risiko durch hohe pH-Werte deutlich zu.

Der Klimawandel bedingt dementsprechend eine höhere Schlagkraft bei der Lese und der Traubenverarbeitung in Kelterhaus und Keller. Den Geldbeutel des Winzers belastet vor allem der höherer Energie- und Wasserbedarf für Kühlung und Erhitzung.

Speziell am Bodensee ist auf lange Sicht eine Änderung der Weinstilistik zu erwarten: Höhere Alkoholgehalte, niedrigere Säurewerte bzw. höhere pH-Werte und damit eher cremig-vollmundige als schlanke und säurefrische Weine kann der Konsument der Zukunft hier erwarten.

Malve im Weinberg

Auswirkungen auf die Vermarktung

 

Heiße Sommer haben nicht nur Auswirkungen auf die Reben, sondern auch auf das Konsumveralten der Weingenießer. In trocken-heißen Monaten wird kaum Wein konsumiert, während der Verbrauch von alkoholfreien Getränken in die Höhe schnellt (wie z. B. im August und Oktober 2018). Die Nachfrage nach Rotwein sinkt. Die Nachfrage nach Weiß- und Roséeweinen steigt leicht an. In heißen Jahrgängen ist die bisherige Bodensee-Typizität der Weine nicht so stark ausgeprägt. Dadurch können einheimische Weine leichter durch ähnlich schmeckende, günstigere Weine aus anderen Regionen substituiert werden. Andererseits werden die Bodenseeweine künftig immer kräftiger und damit international konkurrenzfähiger. Letzten Endes steht zu hoffen, dass eine steigende Weinqualität zu einem Imagegewinn für die Bodenseeregion führen wird.

Malve im Weinberg

 Auswirkungen auf die Winzer

Der Winzerberuf wird durch den Klimawandel nicht leichter. Das Ernteausfallrisiko steigt. Frustrationstoleranz, Risiko-Management und starke Nerven sind gefragt. Während der Vegetationsperiode muss oft sehr schnell auf wechselnde Bedingungen reagiert werden können. Der Jahresurlaub Ende August fällt meistens der Bekämpfung der Kirschessigfliege und den frühen Ernten zum Opfer. Auch Weinfesttermine Anfang September passen nicht mehr in den Arbeitsablauf. Flexibilität und Schlagkraft bei der Weinlese werden immer wichtiger für optimale Trauben- und Weinqualität.

 

Fazit

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht in Bezug auf den Klimawandel am Bodensee:

Die gute Nachricht ist für die Weingenießer:

Der Klimawandel wird dazu führen, dass die Weinqualität am Bodensee in den nächsten Jahren weiter steigen wird.

Die weniger gute Nachricht ist für die Winzer:

Die Winzer müssen dafür mit höheren existenziellen Risiken leben. Professionalität, Flexibilität und Schlagkraft werden in Weinberg und Keller immer wichtiger.

Es gilt also immer noch das Goethe-Zitat:

„Der Wein ist des mühevollsten Fleißes zweifelhaft Gelingen“

 

 

Dr, Jürgen Dietrich

Weingutsdirektor